Geowissenschaftliche Zeitreise: Gletscherdaten als Abfallprodukt des Kalten Kriegs
Genaue Angaben zu Volumenverlusten sind für diese Gebiete jedoch bisher selten. Aus diesem Grund widmet sich Tino Pieczonka in seiner von Prof. Dr. Manfred F. Buchroithner und Dr. Tobias Bolch betreuten Studienarbeit am Institut für Kartographie der TU Dresden der Erfassung und der Berechnung von Volumenänderungen der dortigen Gletscher.
Einen Schwerpunkt der Untersuchung bildet dabei der Khumbugletscher. Er ist Teil der Südroute zum Mount Everest und damit einer der bekanntesten und meist untersuchten Gletscher der Welt. Wie die meisten großen Gletscher des Untersuchungsgebiets ist auch der Khumbu ein Schuttgletscher. Seine Zunge ist nahezu vollständig von Geröll bedeckt. In seiner Arbeit untersucht Tino Pieczonka die Volumenänderungen des Khumbu-Gletschers. Grundlage bilden dabei zwei digitale Geländemodelle, die mithilfe von Satelliten-Aufnahmen der Jahre 1962 und 2002 erstellt wurden. Während das Modell des Jahres 2002 bereits fertig zur Verfügung stand, ist die Entwicklung des früheren Modells Bestandteil der Studienarbeit.
Die Aufnahmen des Jahres 1962 sind im Rahmen einer Mission des amerikanischen Spionagesatelliten CORONA entstanden. CORONA war der weltweit erste Aufklärungssatellit, entwickelt mit dem Ziel, Aufnahmen vom Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu gewinnen. Die Fotos wurden anfangs mit einer analogen Kamera aufgenommen und, da die Bildübermittlung per Funk noch nicht ausgereift war, mit Wiedereintrittskapseln zur Erde gebracht. Ein Flugzeug hatte damals die schwierige Aufgabe, die geheimen Daten noch in der Luft abzufangen. Die ersten der 1959 bis 1972 durchgeführten Missionen schlugen fehl; entweder waren die Bilder unscharf, fehlbelichtet, die Kamerablende klemmte oder der Fallschirm der Sonde öffnete sich nicht. Die Satelliten der Folgeprogramme entwickelten die Filme deshalb vollautomatisch an Bord, scannten sie ein und funkten sie zur Erde.
Durch den Vergleich beider Geländemodelle konnte Tino Pieczonka für den Khumbugletscher einen starken Volumenverlust nachweisen. In den Jahren von 1962 bis 2002 hat der Gletscher etwa 68 Millionen m³ seiner Eismasse verloren; das entspricht 18 Meter an Dicke. Bei diesem Rückgang spielt die Temperaturerhöhung eine dominierende Rolle: durch die Klimaveränderung hat sich das Gleichgewicht des Gletschers aus Eisgewinn und -verlust verschoben, so dass weniger Gletschereis neu gebildet wird, als durch Abtauen verloren geht. Das verstärkte Abschmelzen der Gletscher geht mit einem Pegelanstieg der Gletscherseen einher. Die Gefahr von Flutwellen durch Dammbrüche wird dadurch verstärkt und bedroht zunehmend den Lebensraum der Nepalesen.
Zur besseren Einschätzung des Risikos solcher Katastrophen ist die weitere Überwachung des Abschmelzverhaltens der Gletscher des Himalaya Voraussetzung. So können frühzeitig die Entstehung und Entwicklung neuer Seen und die daraus entstehenden Gefahren dokumentiert werden.
Tino Pieczonka stellt die Ergebnisse seiner Studienarbeit im Rahmen der 23. Internationalen Polartagung an der Universität Münster vom 10. bis 14. März 2008 erstmals vor.
Quelle: Pressemeldung Technischen Universität Dresden
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