Neue Indizien für die Entwicklung galaktischer Scheiben von innen nach außen

01.04.2011 | München
Sterne bilden sich ständig in Galaxien, wobei einige Galaxien deutlich aktivere Sternentstehung zeigen als andere. Scheibengalaxien wie unsere Milchstraße wurden nun von Jing Wang, Guinevere Kauffmann, Roderik Overzier und Barbara Catinella am Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA) zusammen mit anderen Kollegen unter die Lupe genommen, um genaueres über die Galaxienentstehung und -entwicklung zu erfahren.

Ihre Ergebnisse unterstützen das Modell der Galaxienentwicklung "von innen nach außen", bei dem Sternentstehungsgebiete allmählich nach außen wandern, wenn im Laufe der Zeit Gas mit immer höherem Drehimpuls in die Scheibe fällt.

In Galaxien wie unserer Milchstraße sind nur etwa 20 Prozent der verfügbaren Baryonen in Sternen gebunden. Einfache physikalische Überlegungen sagen voraus, dass die meisten der Baryonen sich abkühlen, zusammenballen und Sterne bilden. Bis zum heutigen Tag ziehen die Galaxien weiteres Material in der Form von Gas aus ihrer Umgebung an, wie durch Beobachtungen bestätigt wurde. So werden insbesondere Wolken aus neutralem Wasserstoff (HI), HI-reiche Zwerge in der Nähe von Spiralgalaxien, ausgedehnte und verzerrte, äußere Schichten aus HI in Spiralgalaxien, oder einseitige Galaxienscheiben als Hinweise darauf gesehen, dass die Gasakkretion in nahen Spiralgalaxien immer noch andauert. Die gesamte Gasmenge, die eine Galaxie auf die Weise zusätzlich erhält, ist allerdings viel zu gering um die beobachteten Sternentstehungsraten von 2-3 Sonnenmassen pro Jahr in diesen Spiralgalaxien aufrecht zu erhalten. Die Astronomen versuchten deshalb, Gasakkretion in anderer Form nachzuweisen, wie zum Beispiel in einer ausgedehnten, heißen, gasförmigen Korona um die Galaxie, in der Form von ionisiertem Gas bei mittleren Temperaturen oder als winzige Wolken neutralen Gases (wobei eine "winzige" Wolke für Astronomen nur etwa tausend bis hunderttausend Sonnenmassen enthält). Trotz dieser anhaltenden Suche steht ein handfester Beweis für Gasakkretion allerdings noch aus.

Wenn wir also die Gasakkretion nicht direkt beobachten können, besteht wenigstens die Hoffnung, dass wir ihre Auswirkungen sehen können? Semi-analytische Modelle für die Entstehung von Scheibengalaxien, ihre chemische Entwicklung und Sternentstehung bauen im Allgemeinen auf das "inside-out"-Bild (wörtlich: "von innen nach außen") im Rahmen des kosmologischen Modells mit kalter, dunkler Materie. In diesem Modell kühlt sich das Gas im Dunklen-Materie-Halo rund um die Galaxie ab, fällt auf die Galaxie und schürt damit die Sternentstehung in der Scheibe. Da das Gas dabei seinen Drehimpuls behält und Gas umso später auf die Galaxie fällt je höher sein Drehimpuls ist, wandert die Gasakkretion allmählich in die äußeren Regionen. In diesem Modell sollten Galaxien, die erst kürzlich Gas aus ihrem Halo aufgenommen haben, nicht nur einen besonders hohen Gasanteil aufweisen, sondern auch junge äußere Scheiben, in denen besonders viel Sternentstehung stattfindet.

Um dies zu überprüfen, führten die MPA-Wissenschaftler eine statistische Studie der Farben, Sternentstehungsraten und des Anteils an neutralem Wasserstoff (HI) in Galaxien durch. Die dabei ausgewählten nahen, HI-reichen Galaxien wurden dabei aufgrund von Daten ausgewählt die sowohl vom "Arecibo Legacy Fast ALFA"-Survey (ALFALFA) als auch vom "GALEX Arecibo SDSS"-Survey (GASS) stammten.

Galaxien mit mehr Gas sind im Allgemeinen blauer und zeigen aktivere Sternentstehung. Die neue Studie konnte nun zeigen, dass ein höherer HI-anteil zusätzlich zu einem Farbgradienten über die Scheibe hinweg führt: Bei Galaxien mit einem höheren HI-Anteil sind die äußeren Scheiben blauer und zeigen mehr Sternentstehung als die inneren Bereiche. Das bedeutet, dass die äußeren Bereiche der HI-reichen Galaxien jünger sind. HI-reiche Galaxien scheinen in blauem Licht außerdem größer zu sein als in rotem Licht.

Diese Ergebnisse stimmen also mit dem "inside-out"-Bild der Entstehung von Spiralgalaxien überein. Außerdem sind sie auch indirekt Anzeichen dafür, dass Spiralgalaxien durch Gasakkretion im lokalen Universum weiterhin wachsen. Die Studie zeigte auch, dass es keinen intrinsischen Zusammenhang zwischen dem HI-Anteil und der gemessenen Symmetrie einer Galaxie in optischem Licht gibt. Dies deutet darauf hin, dass das Gas wahrscheinlich gleichförmig auf die Scheibe fällt und nicht in einzelnen Klumpen.

Quelle: Pressemeldung Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Dieser Beitrag wurde bisher 150 mal gelesen.
(Rang 56 auf planeten24.de)

Klicken Sie hier um zum Anfang der Seite zu gelangen.

Weitere News

DFG richtet zwölf neue Forschergruppen ein

14.10.2011 | Breit gefächertes Themenspektrum von Satellitennavigation über Borderline-Störungen bis hin zu winzigen...

weiter in DFG richtet zwölf neue ...

Juri Gagarin: 50 Jahre bemannte Raumfahrt

04.04.2011 | Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. Dieses Jahr feiern wir das 50. Jubiläum...

weiter in Juri Gagarin: 50 Jahre bemannte ...

Ritter Rost in "Aufruhr"

03.09.2010 | Musikalische Autorenlesung im LWL-Museum für Archäologie

weiter in Ritter Rost in "Aufruhr" ...

Spaziergang auf dem Mars mit dem WorldWide Telescope

13.07.2010 | Auf eigene Faust ferne Galaxien erkunden - dieses Abenteuer war bisher nur Astronauten und Wissenschaftlern...

weiter in Spaziergang auf dem Mars mit dem ...

Erdgeschichte zum Anfassen: Geo-Gütesiegel für den "Wächter des Allgäus"

09.06.2010 | LfU-Präsident Göttle nimmt den Grünten mit dem Steinbruch an der Schanz in Bayerns Bestenliste der 100...

weiter in Erdgeschichte zum Anfassen: ...



Aktuelles

DFG richtet zwölf neue Forschergruppen ein

Breit gefächertes Themenspektrum von Satellitennavigation...

weiter ...

Juri Gagarin: 50 Jahre bemannte Raumfahrt

Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch in den...

weiter ...

Neuigkeiten

Media Alert: Yahoo! Mail jetzt auch auf dem iPad

Nachdem vor einem Monat bereits die Yahoo! Homepage für das...

weiter ...

Ozonverlust über der Arktis erreicht Rekordwerte

Die vom ESA-Umweltsatelliten Envisat über dem...

weiter ...

Weitere Themen

Handy Tarif

Wer sich ein neues Handy kaufen möchte, der sollte unbedingt...

weiter ...

Schutz im Worst- Case- Szenario

Am 14. April 2010 entstand durch den Ausbruch des Vulkans...

weiter ...

Archiv

Die Planeten des Kosmos

Wir fahren auf einer Ellipsenbahn um die Sonne. Unser...

weiter ...

Bürgerstiftungen sammeln über 11.000 alte Handys für guten Zweck

Bürgerstiftungen sammeln, Vodafone spendet: Unter dem Motto...

weiter ...

Verschiedenes

Beeindruckender Erfolg für deutsche Raumfahrtindustrie

Für den BDLI bedeutet der erfolgreiche 200. Start einer...

weiter ...